Rainer Scherb 2026

Der Kratzputz auf dem Dachboden

Wer hat das nicht schon einmal erlebt? Man geht unzählige Male an etwas vorbei, ohne dass man es der Beachtung wert findet. So erging es auch der Hausbesitzerin Eva Clara Tenzler in Niederkaufungen. Aufgrund anstehender Sanierungsmaßnahmen wurde der Dachboden des Hauses einer genaueren Untersuchung unterzogen. Und siehe da, plötzlich entpuppte sich die in Fachwerk ausgeführte Trennwand mit ihrem Putz als eine Besonderheit.

Es zeigte sich, dass es sich nicht nur um eine gewöhnliche, in jedem Fachwerkhaus des 18. Jahrhunderts auffindbare Wand aus Holzbalken, Lehmfüllungen und Verputz handelte, sondern der in Resten noch vorhandene Gefacheputz ließ eine bewusste Gestaltung erkennen. Schnell wurde klar, es handelt sich um die Technik des „Hessischen Kratzputzes.“

Pressetermin im März 2026 | (v.l.: Stephanie Schmitt – Restauratorin, Melanie Nüsch – Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege, Eva Clara Tenzler – Hausbesitzerin und Vorstand Dorfleben Kaufungen e.V. , Arnim Roß – Bürgermeister Kundigundengemeinde Kaufungen, Thomas Ackermann – Dezernent für Denkmalschutz im Landkreis Kassel, FB Umwelt und Klimaschutz, Silke Does – Vorstand Fachwerkverein
Foto: Kundigundengemeinde Kaufungen

Was versteht man unter Hessischem Kratzputz?

Der Begriff „Hessischer Kratzputz“ ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine an historischen Fachwerkgebäuden anzutreffende verzierende Gestaltung von Gefacheputzen. Diese in der ländlichen Bautradition entstandene Putzweise geht bis in das 17. Jahrhundert zurück und wird in manchen Gebieten in Hessen noch heute praktiziert. Vorrangig sind es Dörfer in den Regionen Schwalm und Hessisches Hinterland, deren Ortsansichten durch diese besonderen Putz- und Gestaltungstechniken geprägt werden.

Bei der Putzausführung wird mit unterschiedlichen, zumeist von den Handwerkern selbst hergestellten Werkzeugen, der noch feuchte Putz an seiner Oberfläche gestaltet. Die Motive wurden entweder mit spitzen Werkzeugen eingeritzt, mit kleinen Reisigbündeln gestippt oder aber mit Spachteln, Gipsereisen und Holzspateln oder den Fingern in die noch weiche Putzfläche einmodelliert. Die Ausführung von Flächenornamenten erfolgte in der Regel mit Hilfe von Stempeln, Nagelbrettern oder mit größeren Reisigbündeln. Träger der Gestaltung ist ein zumeist auf ein Lehmgefach aufgetragener Kalkputz, dem Tierhaare oder pflanzliche Fasern beigemengt wurden.

Kratzputze sind durch Figuren, Blumen, Symbole und einfache grafische Formen gestaltet. Neben floralen Motiven wurden ursprünglich in größerem Umfang auch Schutzsymbole für das Haus und seine Bewohner angebracht. Im Laufe der Zeit gewannen jedoch gestalterische und dekorative Elemente immer mehr an Bedeutung.

Das Wort „Kratzputz“, das sich für diese Technik in den letzten 100 Jahren eingebürgert hat, beschreibt allerdings die Herstellungsmethode irreführend, da in den noch feuchten einlagigen Kalkputz nicht wie bei der Sgraffitotechnik Material abgekratzt, sondern der noch weiche Putz eingedrückt, eingetieft, eingeglättet oder eingeritzt wird. Diese Art Putzgestaltung für die Außenwände der Häuser wurde in der Schwalm bis in die 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgeführt, im Raum Marburg-Biedenkopf wird der Kratzputz noch bis heute praktiziert. Ähnliche Putze lassen sich auch in Franken und Thüringen finden.

Abb.: © Stephanie Schmitt (Restauratorin), Auf diesem Foto eines der Putzfelder lässt sich die Herstellungstechnik gut erkennen. Der Weißbinder hat auf den Strohlehm des Gefaches eine etwa 5 -10mm dicke Schicht Kalkmörtel angeworfen und die Fläche mit einem Reisigbesen flächig gestippt. Danach wurde der Randbereich zum Balken mit einer kleinen Kelle geglättet. Dies hatte den Sinn, einen besseren Übergang vom Putz zum Holzbalken herzustellen. Als Letztes hat er in den noch pastösen Kalkmörtel die gewünschte Verzierung, in diesem Fall ist es ein abstraktes florales Ornament, eingedrückt. Als dazu benütztes Werkzeug sind eine schmale Fugenspachtel, ein Holzstück oder auch die Finger denkbar.

Der Kratzputz als „Immaterielles Kulturerbe“

Im Dezember 2016 hat ein bei der Deutschen UNESCO-Kommission angesiedeltes unabhängiges Expertenkomitee den hessischen Kratzputz in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.  Als „Immaterielles Kulturerbe“ werden lebendige kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet, die unmittelbar vom menschlichen Wissen und Können getragen und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Zu diesen Ausdrucksformen gehören u. a. bestimmte Formen von Tanz, Theater und Musik, Bräuche und Feste, mündliche Überlieferungen, Naturheilkunde und Handwerkstechniken.

Als Begründung für ihre positive Entscheidung führt die Kommission u. a. aus:

„Die Hauslandschaften der beiden in Hessen gelegenen Regionen „Schwalm“ und „Hessisches Hinterland“ sind vielerorts durch historische Fachwerkhäuser geprägt, die mit aufwändigen Gefacheputzen gestaltet sind. Der „hessische Kratzputz“ ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine historische Putzweise in der ländlichen Bautradition, die bis in das 17. Jahrhundert zurückgeht. Diese handwerkliche und gestalterische Technik beschreibt die Verzierung von Fachwerkfassaden mit ornamentierten Putzen, die insbesondere in Hessen bis heute lebendig praktiziert wird.“

Mit dem Titel „Immaterielles Kulturerbe“ würdigt damit die Kulturerbekommission eine seltene und gefährdete Handwerkstechnik sowie die Handwerker, die sich um die Weitergabe dieses Wissens und Könnens bemühen. Diese Putze haben sich über Jahrhunderte zu einer Besonderheit und einem Erkennungsmerkmal dieser Region entwickelt.

Für die in Kaufungen entdeckten Kratzputze war somit die weitere Vorgehensweise, sprich eine fachgerechte Sicherung und Restaurierung, folgerichtig und für deren Bedeutung angemessen. Das Landesamt für Denkmalpflege beauftragte die Restauratorin Stephanie Schmitt aus Hauneck mit der Durchführung der Dokumentations- und Restaurierungsarbeiten. Ziel ist, dass die Giebelwand mit den restaurierten Kratzputzen im späteren Wohnbereich sichtbar bleibt.

Abb.: Voraussetzung für die Erhaltung der Putze ist eine fachgerechte  Bestands- und Schadenuntersuchung, um die notwendigen Restaurierungsmaßnahmen festlegen zu können.

Wie alt sind diese Kratzputze?

Eine exakte Altersbestimmung ist schwierig bis nahezu unmöglich, aber wir können den Herstellungszeitraum durch verschiedene Faktoren eingrenzen. Ornamentierte Putze wurden nur an den sichtbaren Außenwänden der Häuser angebracht. Durch einen späteren Anbau wurde die ehemalig sichtbare Hausgiebel zu einer Innenwand auf dem Dachboden. Auf einer Katasterkarte aus dem Jahre 1782 ist das Haus in der Mittelstraße 10 bereits in der heutigen Länge, d.h. mit dem Anbau, eingezeichnet. Das bedeutet, dass die Kratzputze in den Jahren zwischen der Erbauung des Haupthauses und dem Jahr 1782 entstanden sein müssen. Eine weitere Eingrenzung des Herstellungszeitraums wird die derzeitig laufende dendrochronologische Untersuchung der verwendeten Fachwerkhölzer des Haupthauses und des Anbaus bringen. Mit dieser Methode lassen sich die Fälldaten der Bäume durch einen Vergleich der Jahresringbreiten mit Referenzhölzern exakt ermitteln.

Nichts mehr deutet in heutiger Zeit beim Besuch von Kaufungen auf die in früheren Zeiten starke Verbreitung des Kratzputzes als Teil der Verzierung der Fachwerkhäuser hin. Der einzige Beleg dafür ist außer dem jetzigen „Dachbodenfund“ in der Mittelstraße 10 eine Erwähnung in dem Buch: „Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel“ von Alhard v. Drach aus dem Jahre 1910. Hier heißt es sinngemäß: „Kratzputzmuster finden sich häufiger in Niederkaufungen mit Blumen einfachster Art“. Dazu zeichnet Drach Beispiele dieser Putze, die er in den Zeitraum zwischen 1667 und 1787 datiert.

Abb.: Kratzputzmuster wie sie noch 1910 zeichnerisch dokumentiert wurden

Diese Hinweise, und die große Ähnlichkeit der Motive, lassen auch für den jetzt entdeckten Kratzputz eine Entstehung in diesem Zeitraum vermuten. Was vor 100 Jahren noch mit einem häufigen Vorkommen beschrieben wurde, haben Wind und Wetter, Fassadenerneuerungen und ein geänderter Zeitgeschmack zum Verschwinden gebracht. Gerade deshalb ist es absolut notwendig, die Reste dieses letzten Beleges eines Kaufunger Kratzputzes für die Nachwelt zu erhalten.

Möglicherweise gibt es ja doch noch einige weitere unentdeckte Kratzputze dieser Art in Kaufungen. Eva Clara Tenzler ist Vorstand des Vereins Dorfleben Kaufungen e.V., der sich der aktiven (Mit-)Gestaltung des Dorflebens als auch dem Erhalt Kaufunger Geschichte(n) widmet. Gerne können sich Interessierte per Mail unter info@dorfleben-kaufungen.de mit Hinweisen zu weiteren Funden in Kaufungen und Umgebung melden. Für eine wissenschaftliche Auswertung und Wissenssammlung werden Hinweise und Fotografien zu weiteren Funden gerne in die Kratzputzdatenbank beim Landesamt für Denkmalpflege, Außenstelle Marburg aufgenommen.